WECHSELSTROM - Autorinnen aus Mittel- und Osteuropa auf Tournee
 
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Presseabdruck aus: Badische Zeitung (24.10.2007)


Deine Sprache ist so klein

Osteuropäische Autorinnen auf deutscher Tournee


"Menschen, die Weißrussisch sprechen, sind nicht in der Lage, etwas aus ihrem Leben zu machen, außer sich auf Weißrussisch zu unterhalten. Denn auf Weißrussisch lässt sich nichts Großartiges formulieren" , zitiert Milena Mushak von der Bundeszentrale für politische Bildung Aleksander Lukaschenko. Doch da sitzt er: der Gegenbeweis. Klein und zierlich, aber bestimmt nicht wegzuleugnen: Val zhyna Mort, Lyrikerin aus Belarus, schleudert ihre weißrussischen Zeilen unbeirrt den Freiburger Zuhörern entgegen. Denn "ein Schriftsteller darf sich nicht darum kümmern, ob er verstanden wird. Wenn es auf der ganzen Welt niemand gäbe, der Belarussisch verstünde, so würde ich dennoch auf Belarussisch schreiben."

 

Im Rahmen von "Wechselstrom" , einer Autorinnentournee von Basel nach Berlin, fanden im Freiburger Literaturbüro Podiumsdiskussionen zur Situation der Literatur in Mittel- und Osteuropa statt. Katharina Raabe, Lektorin beim Suhrkamp Verlag, sprach mit Noémi Kiss (Ungarn) und Lidija Dimkovska (Slowenien/Mazedonien) über ihre "literarischen Mütter" . Milena Mushak und Gernot Erler diskutierten mit Tanja Maljartschuk (Ukraine) und Valzhyna Mort (Belarus) über ihre Muttersprache, ihr Europabild — und über Politik, über die sie nicht mehr sprechen wollen. Sie wollen als Schriftstellerinnen ernst genommen werden und weder Botschafter ihres Landes noch Sprachrohr von Regierung oder Opposition sein. So behauptet Mort, sich mit ihrer Entscheidung für das Belarussische nicht politisch positionieren zu wollen. Die Wahl sei der Musikalität dieser Sprache zuzuschreiben, obschon sie diese — aus einer russischen Familie stammend — erst in der fünften Klasse gelernt hat.

 

Die Bedingungen, denen die Produktion von Literatur in Mittel- und Osteuropa unterworfen ist, sind mit jenen in Deutschland schwer zu vergleichen. Das Feuilleton kümmert sich kaum um die "Marginalien der Marginalien" , wie Raabe die weiblichen Autoren dieser Staaten betitelte; in Mazedonien gibt es gerade einmal einen Verlag, der Literatur publiziert. Kaum Kritik, keine Literaturagenten, kein Markt. Und schon gar keine Literaturinstitute, die am Fließband Autoren in die PR-Maschinerie entlassen. Dafür aber Dreck. Reichlich Dreck. Und der ist nicht zu verachten. "Wenn ich in diese unglaublich schreckliche deutsche Sauberkeit hineingeboren worden wäre, wäre ich keine Schriftstellerin geworden" , sagt Tanja Maljartschuk. "Aber in der Ukraine liegt überall was herum, über das man schreiben kann."

 

Dagegen liefert die junge Geschichte der russisch-slawischen Literaturen nur wenige Vorbilder. "Deine Sprache ist so klein, dass sie noch kein Gespräch führen kann" , hört Lidija Dimkovska immer wieder. Und wenn sie in Danica Rucegaj auch kein Vorbild für ihre Lyrik gefunden hat, so zeigt sie ihr doch, dass eine Existenz als Schriftstellerin möglich ist — auch in Mazedonien.

 

Svenja Frank

 

— Nachzulesen sind die Essays der Autorinnen auf www.wechselstrom-tournee.de

 


 
     
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