WECHSELSTROM - Autorinnen aus Mittel- und Osteuropa auf Tournee
 
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Valzhyna Mort

Literarische Mutter: Lesja Ukrajinka – Tuberkulose der Wirklichkeit

„Dieses kränkliche, schwächliche Mädchen ist doch der einzige Mann in unserer Literatur.“

Iwan Franko

 

In der ukrainischen Literatur hat es nur sehr wenige Frauen gegeben. Ich mag keine von ihnen. Wahrscheinlich deswegen, weil die ukrainischen Schriftstellerinnen sich immer gerechtfertigt haben, anstatt zu schreiben. Sie waren Hochstaplerinnen und Feministinnen, Heldinnen, Revolutionärinnen oder einfach von kurzem Verstand. Sie hatten Zeit zu schreiben, aber keine Zeit, gut zu schreiben. Sie haben mich dazu gebracht, die Frauenliteratur zu ignorieren und über ihre Hinfälligkeit hinwegzusehen.

 

In der fünften Klasse fing es an, dass ich sie nicht mochte. Lieber las ich die Astronomielehrbücher meiner Schwester als die Werke der ukrainischen Schriftstellerinnen. Meine Lehrer für ukrainische Literatur - komischerweise auch alles Frauen - haben meine Abneigung nur verstärkt. Marko Wowtschok (alias Maria Wilinska), Lesja Ukrajinka, Olha Kobyljanska, Olena Teleha, Lina Kostenko stellte ich mir ungefähr so vor wie meine Lehrerinnen: dümmlich, pathetisch und bereit, jede Sekunde ein Tränchen zu vergießen ob des schweren Schicksals, das Mütterchen Ukraine wieder und wieder getroffen hatte. In der Liste der ungeliebten ukrainischen Schriftstellerinnen nahm Lesja Ukrajinka einen besonderen Platz ein, denn schon ihr Pseudonym „Ukrajinka“ roch nach billigem Patriotismus. Ihr „Auch unter Tränen lächle ich“, das „Wort, die einzige Waffe bist du für mich, was, wenn wir beide fallen – du und ich“ verleideten mir die Poesie, wahrscheinlich kann ich deshalb keine Gedichte schreiben. In jeder ukrainischen Stadt, selbst in jedem ukrainischen Dorf gibt es eine Lesja-Ukrajinka-Straße. In jedem ukrainischen Park und auf jeder Grünfläche steht ein Lesja-Ukrajinka-Denkmal. Es ist mehr über sie geschrieben worden, als sie selbst geschrieben hat. Jeder Ukrainer, ob groß oder klein, kennt Lesja Ukrajinka als große Ukrainerin. Gelesen hat sie keiner, absolut keiner.

 

Es hat sich etwas verändert, seit ich vor sieben Jahren die sowjetische Gesamtausgabe von Lesja Ukrajinka aus Krasnojarsk in Sibirien nach Iwano-Frankiwsk in der Westukraine schaffte. Sechstausend Kilometer mit Umsteigen in Moskau. Ich schleppte diese zwölf Bände nicht aus Liebe zu Lesja Ukrajinka, sondern aus krankhafter Sucht nach Büchern. Besonders nach denen, die in sowjetischer Zeit herausgegeben wurden. Die sowjetischen Bücher sind seltsamerweise immer furchtbar schwer und riechen nach Schimmel. In der Moskauer Metro donnerte mein Koffer mit der gesamten Lesja Ukraijinka die Rolltreppe hinunter. Die Leute sprangen zur Seite, um den Weg freizumachen. Vielleicht aus Achtung vor der großen ukrainischen Schriftstellerin, vielleicht aber auch aus Angst um ihr Leben. Der Bücherkoffer hatte eine Riesengeschwindigkeit und hätte jemanden erschlagen können. Unten ging er auf, und die zwölf Bände Ukrajinka flogen kreuz und quer über den Bahnsteig. Das hatte etwas richtig Ästhetisches – die Lesja-Ukrajinka-Gesamtausgabe in einer Moskauer Metrostation. Und die hieß auch noch „Lenin-Bibliothek“.

 

Ich sehe mir gern ihre Familienfotos an. Sie erinnern an die Familienfotos von Zar Nikolaus I. vor der Erschießung. Die Frauen sitzen, die Männer stehen dahinter. Weiße Spitzenblusen, bauschige Tüllröcke, Handschuhe, Sonnenschirme, die Männer mit Zylindern und Spazierstöcken. Lesja Ukrajinka sitzt auf diesen Bildern immer irgendwo in der Mitte, die Bluse bis oben zugeknöpft, die Haare hochgebunden, der Blick streng und undurchdringlich, das Gesicht distanziert, fast schwarz. Der Ausdruck „große Ukrainerin“ passt absolut nicht zu dieser Lesja Ukrajinka. Die Polizei des Zaren hatte mehr Menschenkenntnis. Geheimprotokolle aus dem Jahr 1904 nannten sie einfach „die Gutsbesitzerin Larissa Kosatsch“. In ihrer Krankenakte hieß es noch einfacher: „Tuberkulosepatientin“.

 

Es gibt etwas in Lesja Ukrajinkas Biografie, das mir fremd ist. Vielleicht weil sie ihr Leben im wahrsten Sinne des Wortes poetisch war. Sie brachte dafür alle Voraussetzungen mit: die adlige Herkunft, eine unheilbare Krankheit, eine unerwiderte Liebe. Sie war auffallend hässlich und auffallend klug. Sie bereiste ganz Europa auf der Suche nach Meeren und Ärzten. Übersetzte Shakespeare, Byron, Heine, Hauptmann, Maeterlinck und auch Marx und Engels ins Ukrainische. Mit neunzehn Jahren schrieb sie für ihre jüngeren Geschwister ein Lehrbuch über die Geschichte des Alten Orient. In Minsk pflegte sie ein halbes Jahr lang einen kranken russischen Revolutionär. Er hinterließ ihr seine Lungentuberkulose, die ihr zu ihrer Knochentuberkulose gerade noch gefehlt hatte. Niemand weiß heute mit Sicherheit zu sagen, welche Beziehungen sie wirklich mit Olha Kobyljanska verbunden haben – freundschaftliche oder lesbische. Und ebenso wenig weiß man, ob der Umgang mit ihrem Mann Klymentij „Kljonja“ von Zärtlichkeit oder Geringschätzung geprägt war. Aus der Biografie von Lesja Ukrajinka ist das bekannt, was sie preisgeben wollte.

 

Merkwürdigerweise trägt das Russische Theater in Kiew Lesja Ukrajinkas Namen. Absurd daran ist nicht nur, dass Lesja Ukrajinka kein einziges Theaterstück auf Russisch verfasst hat. Das Theater hat auch kein einziges ihrer Stücke im Programm. Und ich weiß auch, warum. Nach Dan Brown ist Ukrajinkas Miriam, die Jesus Christus als Frau begehrt, nicht mehr als ein Märchen für Kinder.

 

Am Schwarzen Meer gibt es einen kleinen ukrainischen Ort mit Namen Balaklawa. Früher war er mal ein Ferienort. Lesja Ukrajinka hielt sich oft im Winter hier auf, um der Kälte zu entfliehen. Nach der Oktoberrevolution – sie war bereits vier Jahre früher gestorben und erlebte sie nicht mehr – machte man aus Balaklawa ein Militärobjekt. In die umliegenden Felsen wurden Stollen getrieben, in denen die sowjetischen U-Boote vor der atomaren Gefahr des kapitalistischen Westens in Sicherheit gebracht werden sollten. Lesja Ukrajinka musste das zum Glück nicht mit ansehen. Zum Glück ist sie auch gestorben, bevor man sie zum ukrainischen Klassiker machen konnte. Eine Bronzefigur, stumm und unnütz. Es geschah aus Ehrehrbietung, nicht aus Vernunft, wie es so häufig passiert. In diesem durch den Kalten Krieg zerstörten Balaklawa findet man heute mehr Lesja Ukrajinka als irgendwo sonst. An der Uferpromenade stehen immer noch die halb zerfallenen dreistöckigen Häuser, in denen sie abstieg und von denen aus sie das offene Meer und die Delphine betrachtete. Das Kino ohne Dach und Wände, in dem sie sich französische Stummfilme ansah. Die kleinen Höfe mit den Skulpturen antiker Götter, in denen sie mit befreundeten Literaten Dispute über den Mangel an Intellektuellem in der ukrainischen Literatur führte. Bis hin zur neoromantischen Melancholie und Erschöpfung. Tuberkulose der Wirklichkeit. Die Tragödie des Lebens, die die Literatur nicht als Tragödie zeigen will.

 

Tanja Maljartschuk

 

Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe

 

 

Original

 

Леся Українка: туберкульоз реальності

 

Ця хвора слабосила дівчина – чи не єдиний мужчина в нашій літературі.

Іван Франко

 

 

В українській літературі було зовсім мало жінок. Жодна з них мені не подобається. Напевно тому, що українські письменниці більше виправдовувались, аніж писали. Були надто жіночими. Були авантюристками, феміністками, героїнями, революціонерками чи просто набитими дурепами. У них був час писати, але не було часу писати добре. Вони привчили мене дивитися на жіночу літературу крізь пальці і вибачати їй її недолугість.

 

У п’ятому класу загальноосвітньої школи я вже ненавиділа їх. Я воліла читати підручники з астрономії моєї старшої сестри, аніж твори українських письменниць. Мої вчителі української літератури, які чомусь також завжди були жінками, тільки підсилювали цю ненависть. Марка Вовчка, Лесю Українку, Ольгу Кобилянську, Олену Телігу, Ліну Костенко я уявляла собі приблизно такими, якими були мої вчительки: тупенькими, пафосними і готовими щосекунди пролити сльозу над тяжкою долею неньки-батьківщини. Леся Українка посідала у списку ненависних письменниць особливе місце, бо навіть її псевдонім „Українка” відганяв вульгарним патріотизмом. Оці її „я буду крізь сльози сміятись”, „слово – моя ти єдиная зброє, ми не повинні загинуть обоє” набили мені оскомину до поезії, і, напевно, саме тому я так і не змогла стати поетом. В кожному українському місті і навіть селищі є вулиця імені Лесі Українки. В кожному українському парку чи навіть сквері є її пам’ятник. Про неї написано більше, ніж написала вона сама. Кожен українець від малого до великого знає, що Леся Українка – велика донька українського народу. І ніхто, абсолютно ніхто її не читає.

 

Щось змінилося, коли я сім років тому везла повне радянське зібрання творів Лесі Українки з Красноярська до Івано-Франківська. Шість тисяч кілометрів з пересадкою у Москві. Я тягла ці дванадцять томів не з любові до Лесі Українки, а з хворобливої жадоби до книг взагалі. Особливо тих, що видані у радянський час. Радянські книжки чомусь страшенно важкі і завжди пахнуть пліснявою. У московському метро моя валізка з усією Лесею Українкою покотилася ескалатором вниз. Люди на ескалаторі відступалися, даючи їй дорогу. Можливо, з поваги до великої доньки українського народу, можливо, зі страху за своє життя. Валіза з книжками набрала скаженої швидкості і могла когось убити. Вже на платформі вона тріснула і всі дванадцять томів розлетілися навсібіч. Було у цьому щось справді прекрасне: повне зібрання Лесі Українки на платформі московського метро. І треба додати, що та станція метро називалась „Бібліотека імені Леніна”.

 

Мені подобається розглядати її родинні фотографії. Вони нагадують родинні фотографії царя Миколи ІІ перед розстрілом. Жінки сидять, чоловіки стоять ззаду. Білі мереживні блузи, пишні тюлеві спідниці, рукавички, парасольки від сонця, чоловіки у циліндрах і з тростиною. Леся Українка на цих фотографіях завжди посередині, блуза застібнута на всі ґудзики, волосся зібране у тугий вузол, погляд суворий і непроникний, обличчя сухе аж чорне. Означення „велика донька українського народу” страшно не пасує такій Лесі Українці. Царська поліція розумілася на людях краще. У таємних протоколах з 1904 року Лесю Українку називали не інакше, як „дворянка Лариса Косач”. У її медичній картці писалося ще простіше: „туберкульозниця”.

 

Є щось у біографії Лесі Українки мені чуже. Мабуть через те, що вона жила буквально поетично. В неї були для цього всі умови: аристократичне походження, невиліковна хвороба, нерозділена любов. Вона була занадто негарна і занадто мудра. Вона об’їздила всю Європу у пошуках морів і лікарів. Перекладала українською Шекспіра, Байрона, Гайне, Гауптмана, Метерлінка, а також Маркса і Енгельса. У дев’ятнадцять років вона написала підручник з історії Стародавнього Сходу для своїх молодших братів і сестер. Півроку у Мінську доглядала смертельно хворого російського революціонера, і він умер, додавши до її туберкульозу кісток замість любові ще й туберкульоз легенів. Ніхто сьогодні не скаже напевне, який характер мали її стосунки з Ольгою Кобилянською - дружній чи лесбійський. І так само ніхто не скаже, пестливо чи зневажливо вона зверталася до свого законного чоловіка Климентія „Кльоня”. Біографія Лесі Українки відома настільки, настільки вона сама цього захотіла.

 

Театр російської драми у Києві чомусь названий іменем Лесі Українки. Абсурд полягає не лише в тому, що Леся Українка ніколи російською драм не писала. У репертуарі цього театру я не бачила жодної постановки її текстів. І я розумію, чому. У час після Дена Брауна її Міріам, яка благає Ісуса Христа любити її як жінку, - дитяча казка.

 

На березі Чорного моря є таке невелике українське містечко Балаклава. Колись воно було курортом. Леся Українка часто їздила сюди взимку грітися. Після Жовтневого перевороту, до якого вона не дожила якихсь чотири роки, Балаклаву зробили військовим об’єктом. У навколишніх скелях видовбали штольні, що в них мали ховатися радянські субмарини від атомної небезпеки капіталістичного Заходу. Добре, що Леся Українка цього не побачила. Так само добре, що вона померла раніше, аніж з неї зробили класика. Бронзового, німого і нікому не потрібного. Зробили із ввічливості, а не з розуміння, як це найчастіше буває. І в цій знищеній холодною війною Балаклаві тепер більше Лесі Українки, аніж будь-де інде. На набережній алеї донині стоять напівзруйновані триповерхові будинки, в яких вона жила і, ймовірно, бачила через вікно відкрите море і дельфінів у ньому. Кінотеатр без даху і стін, в якому вона дивилася німе французьке кіно. Дворики зі скульптурами античних богів, в яких вона вела суперечки з друзями-літераторами про брак інтелектуального в українській літературі. Скрізь довкола неоромантична меланхолія і анемічність. Туберкульоз реальності. Трагедія життя, яку література вчить не відчувати як трагедію.

 

Таня Малярчук

 

 

 

 

 

 


 
     
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