WECHSELSTROM - Autorinnen aus Mittel- und Osteuropa auf Tournee
 
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Presseabdruck aus: DIE ZEIT (25.10.2007)


Shakespeares osteuropäische Schwestern

In ihren Heimatländern haben sie Preise gewonnen, mit ihrer Lesetournee »Wechselstrom« stellen sie sich in Deutschland vor

 

Von Insa Wilke


Vor dem alten Wiehre-Bahnhof in Freiburg steht ein schwarzer Kubus in der Kälte, darauf ein blau leuchtendes Aquarium, über das sich eine junge Frau beugt, die mit beiden Armen zwischen Batterien nach einem Scheinwerfer fischt. Letzte Schönheitsarbeiten, bevor sich der größere der beiden Säle des ehemaligen Bahnhofs, der neben einem Kino das Literaturbüro der Stadt beherbergt, bis auf den letzten Stehplatz füllen wird. »Wechselstrom – Autorinnen aus Mittel- und Osteuropa auf Tournee« heißt das mobile Festival, und »Wechselstrom« ist die Metapher für die Energie der Literatur, um die es hier gehen soll, die Metapher für interkulturellen Austausch. So erklärt es Stefanie Stegmann, die Leiterin des Literaturbüros, die mit Kateryna Stetsevych und Katarina Tojic das Projekt leitet. Als Transformatoren sind sechs Schriftstellerinnen eingeladen. Eine Woche werden sie in unterschiedlicher Besetzung durch die deutschsprachigen Länder reisen: Dorota Masłowska aus Polen (Jahrgang 1982), Petra Hůlová aus Tschechien (Jahrgang 1979), Noémi Kiss aus Ungarn (1974), Tanja Maljartschuk aus der Ukraine (1983) sowie die Lyrikerinnen Valzhyna Mort aus Weißrussland (1981) und Lidija Dimkovska aus Mazedonien (1971).

 

Sie alle sind in ihren Heimatländern bereits mit wichtigen und wichtigsten Preisen ausgezeichnet worden. Masłowska ist in Polen eine Skandal- und Kultfigur (ihre Bücher Schneeweiß und Russenrot und Die Reiherkönigin gibt es bei Kiepenheuer & Witsch auf Deutsch), alle anderen aber sind bei uns noch weitgehend unbekannt. Maljartschuk, Mort und Dimkovska wurden sogar extra für die Tournee ins Deutsche übersetzt. Von Hůlová ist soeben der Roman Kurzer Abriss meines Lebens in der mongolischen Steppe bei Luchterhand erschienen: die aus weiblicher Perspektive erzählte Saga einer Nomadenfamilie, die in der Spannung zwischen dem traditionellen Landleben und den Träumen von einer fortschrittlichen, städtischen Freiheit haltlos zersplittert. Noémi Kiss wird ihre Texte erst 2008 bei Matthes & Seitz veröffentlichen. Kein Wunder also, dass ein Besucher flüsternd gesteht, er kenne keine der Autorinnen, aber das politische Thema habe ihn sehr interessiert.

 

Das vorgegebene Thema aber scheint die Jüngeren in der Gruppe wenig zu reizen. So unterschiedlich die Texte von Masłowska, Mort und Maljartschuk sind, so ist ihnen ein Widerspruch gemeinsam: Einerseits hat ihre Literatur eine politische Dimension, andererseits empfinden sie eine heftige Abneigung, die Tagespolitik zu kommentieren. Masłowskas neues Buch ist eine selbstironische Satire auf den Kulturbetrieb, es reflektiert die Machtmechanismen von Kultur und Politik. Seltsam die konservativen Ansichten, die dagegen in Interviews durchklingen. Dass sie dazu im Gespräch einfach die Aussage verweigert, lässt einen Zuhörer wütend schnaufen. Man könne doch nicht so provozierend schreiben und dann nicht darüber sprechen wollen.

 

Auch Maljartschuk und Mort, die zum Podiumsgespräch über Europa gebeten wurden, zeigen sich wenig gefügig. »I am fed up with that«, antwortet Maljartschuk auf die Frage des Staatsministers im Auswärtigen Amt nach der gewandelten Rolle der Literaten in der Ukraine – obwohl sie damals auf dem orange eingefärbten Majdan natürlich auch dabei war und Angst hatte, dass nichts von der Ukraine übrig bleibt, wenn jetzt einer zu schießen anfängt. Mort empfindet es als »Kränkung« (und Maljartschuk nickt zustimmend), dass sie sich als belarussisch schreibende Dichterin allein durch die Sprache in der Rolle der Dissidentin wiederfindet. Um ihre Poesie solle es den Lesern gehen, nicht um Politik!

 

So naiv diese Haltung, die sich durchaus mit einem zarten Patriotismus zu verbinden versteht, vielleicht wirkt, so legitim ist es doch, dass die noch ganz jungen Frauen auf ihr Recht pochen, unabhängig von ihrer Nationalität als Dichterinnen ernst genommen zu werden und nicht nur als Sprachrohr einer Opposition oder als Botschafterinnen ihres Landes in Westeuropa. Der Wunsch nach Abgrenzung ist groß, und manchmal ist es auch nur die Lust zum bloßen Widerspruch: etwa wenn Masłowska auf die Frage nach weiblichen Vorbildern behauptet, es gebe leider keine starken weiblichen Figuren, Frauen schrieben eben nicht so gut. Oder wenn Mort, die ursprünglich Musikerin werden wollte, einerseits einen Zusammenhang von Sprache und Identität leugnet, andererseits aber den schönen Satz sagt: »Als ich aufhörte, Musik zu machen, habe ich eine andere Musik gesucht, und das war die belarussische Sprache.«

 

In größerem Maß debattierlustig zeigten sich Dimkovska und Kiss. Auf die Frage nach den Frauen antwortet Dimkovska, deren trockener Humor sich in ihren gestochen scharfen Gedichten spiegelt, in Mazedonien gebe es ein Sprichwort: Wenn man einem Jungen nicht das gebe, was er wolle, verliere er seinen Penis. Und da Mazedonien nur zwei Millionen Einwohner habe, wolle natürlich niemand die Fortpflanzung behindern! »Die Vergangenheit liegt im Sterben auf dem Weg, wohin ich auch gehe«, schreibt Kiss in dem hoch poetischen Prosatext G wie stumme Grenze und sagt im Gespräch, Ungarn stecke noch mitten im Umbruch. Insbesondere gelte das für die Frauenpolitik, die praktisch inexistent sei.

 

Beide, Dimkovska und Kiss, konstatieren jedoch einen Wandel, gerade in der literarischen Landschaft. Der weibliche Anteil an den mazedonischen Schriftstellern habe Anfang der neunziger Jahre gerade mal zwei Prozent betragen. 2004 seien sämtliche mazedonische Literaturpreise von Frauen abgeräumt worden. Auch in Ungarn gebe es eine Welle junger Literatur von Frauen. Kiss glaubt, dass gerade diese Autorinnen im Gegensatz zu den Etablierten wie Esterházy oder Nádas einen neuen, ehrlichen Blick auf die Gegenwart Osteuropas eröffnen können. Kiss ist selbst ein gutes Beispiel dafür, hat doch ihr für die Tournee verfasster Essay über die sozialistische Schriftstellerin Erzsébet Galgóczi eine Debatte ausgelöst. (Alle Essays der sechs Autorinnen sind im Internet abrufbar.)

 

Was diesen Autorinnen vor allem fehlt, ist der Vertrieb. In Weißrussland gibt es gerade mal einen Verlag. Das sei wie ein Restaurant ohne Küche, meint Mort. Es fehlen aber auch die Vermittler nach außen und zwischen den Ländern. Darum seien Festivals wie die »Wechselstrom«-Tournee so wichtig.

 

Weitere Termine: 25.10.07, 20 Uhr, Leipzig (Haus des Buches); 26.10.07, 20 Uhr, Göttingen (Literarisches Zentrum); 27.10.07, 20 Uhr, Abschlussfest in Berlin (Volksbühne). Ausführliches Programm unter: www.wechselstrom-tournee.de

 

 


 
     
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